VerÀnderungsmuskeltrainingsstudiosituation

Es gibt ja diese beruhigende Vorstellung, die Menschen mit zunehmendem Alter gern von sich entwickeln: Alles am Menschen sei nun fertig. Nicht perfekt, aber fertig. Die charakterliche Renovierung abgeschlossen, die Gewohnheiten ausgehĂ€rtet wie guter Beton und gröĂere VerĂ€nderungen nur noch in Form neuer Lesebrillen oder orthopĂ€discher Einlegesohlen denkbar.
Wir hĂ€tten jedenfalls von uns behauptet, dass wir einigermaĂen festgefahren sind. Nicht negativ gemeint. Eher solide. BewĂ€hrt. Mit einer gewissen spieĂigen Beharrlichkeit ausgestattet, die uns zuverlĂ€ssig erklĂ€rt, warum wir Dinge schon immer so gemacht haben.
Und nun sitzen wir seit rund vier Monaten in Kopenhagen und mĂŒssen feststellen: Offenbar sind wir deutlich anpassungsfĂ€higer, als wir dachten.
Nicht, weil hier alles anders wĂ€re. Das wĂ€re ohnehin Unsinn. Menschen kaufen ein, gehen zur Arbeit, vergessen Geburtstage, verzweifeln an defekten Leergutautomaten, verlieren Handschuhe und diskutieren ĂŒber Politik wie ĂŒberall sonst auch.
Aber vieles lÀuft eben doch anders. Und das Erstaunlichste ist nicht, dass es anders lÀuft. Das Erstaunlichste ist, wie schnell sich das Fremde in Alltag verwandelt.
Der Nachtzug ist jetzt so etwas wie die StraĂenbahn
FrĂŒher war eine Nachtzugfahrt ein Ereignis.
Etwas, das geplant wurde. Mit Vorfreude. Mit Recherchen. Mit dem GefĂŒhl, sich auf ein kleines Abenteuer einzulassen.
Freunden erzĂ€hlten wir davon: âWir fahren mit dem Nachtzug.â
Darauf folgte meist ein anerkennendes Nicken, als hĂ€tten wir gerade angekĂŒndigt, den Jakobsweg zu laufen oder mit einem Segelboot nach Island zu fahren.
Heute?
Heute steigen wir fĂŒr organisatorische Angelegenheiten rund um unsere Berliner Wohnung mehr oder weniger beilĂ€ufig in einen Nachtzug.
Nicht luxuriös, wohlgemerkt.
Wir sparen natĂŒrlich und buchen die PlĂ€tze, bei denen man am Morgen ungefĂ€hr so entspannt aufwacht wie ein zusammengefalteter Campingstuhl.
Aber selbst das fĂŒhlt sich mittlerweile erstaunlich normal an.
Wir planen das Nachschlafen gleich mit ein, kennen die AblĂ€ufe, wissen ungefĂ€hr, wann der Kaffee verfĂŒgbar sein wird und akzeptieren, dass der unzweifelhaft gealterte RĂŒcken am nĂ€chsten Tag eine leicht abweichende Meinung zum Thema Reisekomfort haben könnte.
Ăhnlich verhĂ€lt es sich mit dem Flixbus.
FrĂŒher eine Notlösung.
Heute oft einfach die vernĂŒnftigste Variante. Billiger. HĂ€ufig erstaunlich zuverlĂ€ssig. Und lĂ€ngst kein Abenteuer mehr.
Was frĂŒher Reise war, ist inzwischen Logistik.
Die Sache mit den anderen Menschen
Noch verblĂŒffender ist etwas anderes: Unser Charakter scheint transportabel zu sein. Und gleichzeitig auch wieder nicht.
Sind wir in Kopenhagen, verhalten wir uns anders.
Nicht absichtlich. Nicht, weil wir morgens aufstehen und sagen: âHeute werden wir bessere Menschen.â
Sondern weil es einfach passiert.
Wir fahren mit dem Fahrrad nirgendwo knapp vorbei, wir drĂ€ngeln nicht, wir lassen andere vor, wir nehmen wirklich viel RĂŒcksicht, wir lĂ€cheln Menschen fast immer an.
Und zwar nicht aus pĂ€dagogischen GrĂŒnden oder weil wir einen Kurs in positiver Kommunikation gebucht hĂ€tten, sondern weil alle anderen es auch tun.
Wir werden höflich behandelt und antworten mit Höflichkeit: Ein erstaunlich simples gesellschaftliches Konzept.
Kaum sind wir zurĂŒck in Berlin, lĂ€uft allerdings auch das erstaunlich schnell wieder in die andere Richtung. Nicht vollstĂ€ndig, aber spĂŒrbar.
Zum Beispiel ruft jemand etwas von hinten. In Kopenhagen denken wir: âOh, bestimmt ein hilfreicher Hinweis.â
In Berlin wissen wir: Entweder ist es eine Beleidigung oder ein Vorwurf. Wir fragen uns: "Was haben wir jetzt schon wieder falsch gemacht?â
Und erschreckend oft liegen wir mit dieser EinschÀtzung richtig.
In DĂ€nemark besteht ein Zuruf hĂ€ufig aus Hinweisen wie: âVorsicht, da kommt jemand!â oder âDort hinten sitzt es sich schöner!â
In Berlin lautet die Botschaft oft eher: âSie stehen im Weg.â Wobei das noch die höflichere Variante wĂ€re. Meist ist es eher ein "Verpiss Dich, Du Eule".
Das Faszinierende daran ist weniger die Beobachtung selbst als die Geschwindigkeit.
Wir schalten innerhalb weniger Minuten um.
Als hĂ€tte unser Gehirn verschiedene Gesellschaftsmodi installiert und wĂŒrde beim GrenzĂŒbertritt automatisch die passende Software laden.
Neue Umgebungen
Die ersten Erkundungen zu FuĂ oder per Rad: Ertastend, bewundernd, ein bisschen unsicher. Die Wege, die wir abliefen und abradelten, blieben uns in Erinnerung. Aber auch exotisch. Nun, schon nach wenigen Monaten, sind wir hier orientiert wie zu Hause. Wir kennen die Schleichwege, die besten PlĂ€tze, die schönen Wege und haben ein nahezu perfektes GefĂŒhl fĂŒr Entfernungen.
Das fĂŒhlt sich schon fast nach Heimat an. Wie kann das sein, nach gut vier Monaten?
Schokolade als Luxusgut
Auch beim Essen passiert etwas MerkwĂŒrdiges. Wir hatten schon mehrfach berichtet, dass DĂ€nemark teuer ist. Und zwar wirklich teuer.
Vor allem bei allem, was man guten Gewissens als ĂŒberflĂŒssig bezeichnen könnte.
Schokolade zum Beispiel - oder andere Formen industriell veredelter GlĂŒckseligkeit.
Und siehe da: Kaum kostet die Tafel Schokolade plötzlich so viel wie frĂŒher ein kleines Mittagessen, beginnen wir ganz automatisch darĂŒber nachzudenken, ob wir sie wirklich brauchen. Sogar der Rennradfahrer.
Das Ergebnis ist ĂŒberraschend unspektakulĂ€r: Wir kaufen sie einfach seltener. Sogar der Rennradfahrer. Und wir alle vermissen sie erstaunlich wenig.
Obst und GemĂŒse kaufen wir dagegen fast genauso wie vorher. Die Unterschiede sind dort gar nicht so riesig. Nur bei Junk Food setzt plötzlich eine Art ökonomisch unterstĂŒtzte Selbstdisziplin ein.
Und das Erstaunliche ist: Das fĂŒhlt sich gar nicht nach Verzicht an, sondern eher nach einer stillschweigenden Vereinbarung zwischen Portemonnaie und Vernunft.
Vielleicht sind Menschen gar nicht so kompliziert
Nach vier Monaten bleibt vor allem eine Erkenntnis: Menschen hÀngen viel weniger an ihren Gewohnheiten, als sie gern behaupten.
Jedenfalls solange sich das Umfeld mit verÀndert.
Wir erzÀhlen uns gern, dass wir eben so seien. Und, dass man in unserem Alter nicht mehr anders wird. Wir erzÀhlen uns. dass Charakter, Gewohnheiten und Verhaltensweisen feststehen.
Und dann ziehen wir fĂŒr ein paar Monate in ein anderes Land und stellen fest: Offenbar reicht manchmal schon eine andere Umgebung, um Dinge völlig neu zu sortieren.
Wir fahren anders, wir essen anders, wir reisen anders und gehen anders mit anderen Menschen um. Die eigentliche Herausforderung wird deshalb vermutlich nicht sein, diese Dinge hier zu lernen.
Die eigentliche Herausforderung wird sein, diese Einstellung wieder mit zurĂŒckzubringen. Vor allem das mit der Freundlichkeit.
Denn: NachtzĂŒge lassen sich buchen. RĂŒcksichtnahme mĂŒssen wir exportieren. Haben wir uns vorgenommen.