Fahrt mehr Rad, Ihr Eulen!

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Es gibt SĂ€tze, bei denen man sofort weiß: Das wird nichts. "Jetzt fahrt endlich mehr Rad!" gehört zuverlĂ€ssig in diese Kategorie. Gleich neben "Reiß dich doch einfach mal zusammen!" und "Seid doch bitte alle innovativer."

Eine Regierung, die ihre BĂŒrgerinnen und BĂŒrger mit der moralischen Trillerpfeife zum Radfahren bewegen möchte, wird vermutlich auch an anderer Stelle davon ausgehen, dass Menschen grundsĂ€tzlich erst einmal auf dumme Gedanken kommen. Sie dĂŒrfte dann konsequenterweise auch Atteste schon am ersten Krankheitstag verlangen, lĂ€ngere Arbeitszeiten als Motivation verkaufen oder davon ausgehen, dass Engagement vor allem dann entsteht, wenn man es verordnet. Frei nach dem Motto: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist Regierungsprogramm.

Nun gehört es allerdings weder in der PĂ€dagogik noch in der FĂŒhrung von Mitarbeitenden zu den revolutionĂ€ren Erkenntnissen des 21. Jahrhunderts, dass Belehrungen erstaunlich selten Begeisterung auslösen. Menschen Ă€ndern ihr Verhalten nicht, weil man es ihnen hĂ€ufiger sagt. Sie tun es dann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Wenn das gewĂŒnschte Verhalten einfacher, attraktiver oder schlicht vernĂŒnftiger ist als die Alternative. Wer sich nicht wertgeschĂ€tzt fĂŒhlt, entwickelt selten den spontanen Wunsch, noch mehr Einsatz zu zeigen. Eher das Gegenteil.

Tak fordi du cykler

In Kopenhagen steht an vielen Ampeln: „Tak fordi du cykler“ – „Danke, dass du Fahrrad fĂ€hrst.“

Das ist zunĂ€chst einmal erfreulich unaufgeregt. Kein „Jetzt streng dich gefĂ€lligst an!“, kein „Dein Auto zerstört den Planeten!“, kein schlecht gelaunter Appell, der klingt, als sei die Bevölkerung persönlich fĂŒr sĂ€mtliche Verkehrsprobleme Europas verantwortlich. Einfach ein Danke.

Doch der eigentliche Unterschied steht nicht auf dem Schild, sondern direkt darunter.

Die Ampel verfĂŒgt ĂŒber eine kleine Halterung, auf der Radfahrende bequem den Fuß abstĂŒtzen können, ohne abzusteigen. Daneben verlĂ€uft ein breiter, sicherer und baulich getrennter Radweg. Die Botschaft lautet also nicht nur: Danke, dass du Rad fĂ€hrst. Sie lautet vor allem: Wir haben es dir so angenehm wie möglich gemacht.

Genau darin liegt der Unterschied zwischen Symbolpolitik und Gestaltung.

Was soll das schon wieder mit dem Radfahren?

Keine Sorge. Dies wird kein weiterer Liebesbrief an das dÀnische Radwegenetz. Davon haben wir bereits mehr geschrieben, als manche Kommunen Radwege gebaut haben. Und nachdem wir gerade wieder mit dem Fahrrad von Schweden nach DÀnemark unterwegs waren, besteht ohnehin die Gefahr, dass wir völlig abschweifen.

Interessanter ist ohnehin etwas anderes.

Das Prinzip hinter der Fahrradampel findet sich erstaunlich oft in den politischen Zielen der neuen dĂ€nischen Regierung wieder. Statt den Menschen vorzuschreiben, was sie gefĂ€lligst tun sollen, versucht sie – zumindest in vielen Bereichen – die Anreize und Rahmenbedingungen so zu verĂ€ndern, dass das gewĂŒnschte Verhalten naheliegender wird.

Dazu gehören unter anderem umfangreiche Entlastungen der BĂŒrgerinnen und BĂŒrger. Diskutiert beziehungsweise angekĂŒndigt wurden unter anderem niedrigere Steuern und Abgaben, eine deutliche Entlastung bei Lebensmitteln mit besonderem Fokus auf Obst und GemĂŒse sowie Änderungen bei der Einkommensteuer, darunter auch die Abschaffung der bisherigen Spitzensteuer. Dahinter steckt nicht nur die Idee, Kaufkraft zu stĂ€rken, sondern auch gesĂŒndere ErnĂ€hrung finanziell attraktiver zu machen.

Ein weiteres Beispiel ist der kostenlose öffentliche Nahverkehr fĂŒr junge Menschen. Wer frĂŒh selbstverstĂ€ndlich Bus und Bahn nutzt, behĂ€lt dieses MobilitĂ€tsverhalten hĂ€ufig auch spĂ€ter bei. Gewohnheiten entstehen eben nicht durch Sonntagsreden, sondern durch Alltag.

Auch beim Klimaschutz setzt DĂ€nemark weiter auf strukturelle VerĂ€nderungen. Große landwirtschaftliche FlĂ€chen sollen langfristig in Natur- und Waldgebiete umgewandelt werden. Gleichzeitig wird der ökologische Umbau der Landwirtschaft unter anderem durch eine CO₂-Bepreisung der Nutztierhaltung vorangetrieben und der Ausbau erneuerbarer Energien fortgesetzt. Ziel bleibt eine geringere AbhĂ€ngigkeit von fossilen EnergietrĂ€gern – nicht nur aus Klimasicht, sondern auch aus GrĂŒnden der Versorgungssicherheit.

NatĂŒrlich ist das Bild nicht völlig widerspruchsfrei. Die vergleichsweise strenge dĂ€nische Migrationspolitik bleibt bestehen und passt nur bedingt zur ansonsten hĂ€ufig progressiven Selbstbeschreibung des Landes. Auch steuerliche Entlastungen hoher Einkommen werden unterschiedlich bewertet. Die einen sehen darin einen notwendigen Beitrag zur WettbewerbsfĂ€higkeit, die anderen eine unnötige Belohnung ohnehin gut Verdienender.

Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf das Grundprinzip.

Die Regierung versucht in vielen Bereichen weniger mit erhobenem Zeigefinger zu arbeiten als mit verĂ€nderten Rahmenbedingungen. Obst und GemĂŒse sollen gekauft werden, weil sie gĂŒnstiger sind – nicht weil Plakate an Brokkoli erinnern. Junge Menschen sollen Bus und Bahn fahren, weil das Angebot attraktiv ist – nicht weil man ihnen erzĂ€hlt, dass sie die Zukunft retten. Und Unternehmen sowie Landwirtschaft sollen klimafreundlicher wirtschaften, weil sich die wirtschaftlichen Anreize verĂ€ndern.

Menschen verhalten sich erstaunlich oft vernĂŒnftig, wenn Vernunft nicht die komplizierteste Option ist.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Lektion aus Kopenhagen.

Nicht das Schild mit dem freundlichen „Danke, dass du Fahrrad fĂ€hrst“ macht den Unterschied.

Sondern der Radweg darunter.