Blauwal im Hafenbad

Hafenbad

Es gibt Sommer, die bestehen hauptsĂ€chlich aus dem GerĂ€usch ĂŒberforderter Ventilatoren, dem verzweifelten Versuch, nachts irgendwie eine kĂŒhle Ecke im Schlafzimmer zu finden, und dem festen Vorsatz, dass der nĂ€chste Urlaub unbedingt weiter nördlich stattfinden muss. Und dann gibt es diesen Sommer in Kopenhagen, der sich anfĂŒhlt, als hĂ€tte jemand das Wetter sehr sorgfĂ€ltig mit einem Thermostat eingestellt: angenehm warm, selten zu heiß, fast immer begleitet von einer leichten Brise vom Wasser, die vergessen lĂ€sst, dass derselbe Wind uns vor wenigen Monaten noch das GefĂŒhl gab, im Gesicht Sandpapier statt Haut zu tragen. Unsere Nachbarschaft verwandelt sich Abend fĂŒr Abend in eine kleine Riviera – nur eben mit deutlich mehr LastenrĂ€dern, weniger Yachten und ĂŒberraschend vielen Menschen, die den Sonnenuntergang nicht fotografieren, sondern einfach anschauen.

Fast jeder Abend endet mittlerweile Ă€hnlich. Wir sitzen am Wasser, beobachten, wie die Sonne langsam hinter den HĂ€usern verschwindet, wĂ€hrend um uns herum gebadet, gepaddelt, gelesen oder einfach nur gesessen wird. Es ist erstaunlich, wie gut Menschen darin werden können, gemeinsam nichts Besonderes zu tun, wenn der Ort dafĂŒr stimmt.

Ein Wal im Hafen

NatĂŒrlich zieht es uns an solchen Tagen auch immer wieder ins Hafenbad.

Schon dieses Hafenbad erschien uns in den ersten Wochen wie eine dieser Geschichten, die man zuhause wahrscheinlich mit den Worten beginnen wĂŒrde: „Das funktioniert bestimmt nur in Skandinavien.“ Mehrere Becken mitten im Kanal mit Meerwasser, kostenlos zugĂ€nglich, mit SprungtĂŒrmen, Schwimmbahnen, Kinderbereichen und großzĂŒgigen Holzdecks zum Sonnen. Das alles in Meerwasser, das so sauber ist, dass sich die Einheimischen freiwillig hineinstĂŒrzen und anschließend auch noch zufrieden aussehen. Sollte das Wasser mal schlechtere QualitĂ€t haben, warnt eine rote Lampe. Das ist selten.

An diesem Nachmittag allerdings sorgt nicht die WasserqualitĂ€t fĂŒr Aufregung.

„Da ist ein Wal!“, ruft eines unserer Kinder plötzlich mit einer Überzeugung, die keinen Zweifel daran lĂ€sst, dass sofort hingeschaut werden muss.

FĂŒr einen kurzen Moment wandern die Blicke tatsĂ€chlich ĂŒber die WasseroberflĂ€che. Schließlich hatten wir hier in den vergangenen Monaten schon genug Überraschungen erlebt, um einen spontanen Walbesuch zumindest nicht kategorisch auszuschließen.

Die Auflösung folgt allerdings Sekunden spÀter.

Gemeint sind die ĂŒbrigen Familienmitglieder, deren SprĂŒnge vom Vier-Meter-Turm und vom Beckenrand beim Eintauchen Wassermengen verdrĂ€ngen, die aus der Perspektive eines Kindes durchaus an die Dokumentationen ĂŒber Blauwale erinnern könnten. Zugegeben: Eleganz stand bei diesen SprĂŒngen nicht immer im Vordergrund. Das Wasser wurde zuverlĂ€ssig bewegt, die Statik des Sprungturms hielt ebenfalls stand und das reicht fĂŒr einen gelungenen Familiennachmittag eigentlich völlig aus.

Meerwasser und Eis

Also wird weiter gesprungen. Vom Vier-Meter-Brett, vom Zwei-Meter-Brett oder einfach vom Beckenrand – immer mit einer Mischung aus Mut, SelbstĂŒberschĂ€tzung und der vorsichtigen Hoffnung, dass der eigene Sprung zumindest von außen besser aussieht als er sich beim Eintauchen anfĂŒhlt. Das Wasser ist dabei durchaus frisch, wobei „frisch“ vermutlich eines jener Wörter ist, die in DĂ€nemark etwas völlig anderes bedeuten als in Deutschland. Hier springen Kinder und Erwachsene selbstverstĂ€ndlich hinein, wĂ€hrend zuhause wahrscheinlich bereits die ersten Diskussionen darĂŒber beginnen wĂŒrden, ob das gesundheitlich ĂŒberhaupt noch vertretbar sei.

Nach ein paar Minuten spielt die Temperatur ohnehin keine Rolle mehr. Die Sonne wĂ€rmt zuverlĂ€ssig wieder auf, die Holzdecks speichern den Tag und spĂ€testens das obligatorische Eis auf dem RĂŒckweg macht alle verbliebenen Zweifel am persönlichen KĂ€lteempfinden vollstĂ€ndig zunichte.

Das eigentliche SommergefĂŒhl

Regel-Schild

Fast noch schöner als das Hafenbad selbst ist allerdings die AtmosphĂ€re, die dort herrscht. NatĂŒrlich gibt es Regeln, an welcher Stelle gesprungen werden darf, wo geschwommen wird und welche Bereiche den kleineren Kindern vorbehalten sind. Aber diese Regeln wirken nicht wie ein Misstrauensvotum gegenĂŒber allen Anwesenden, sondern eher wie eine gemeinsame Verabredung, damit dieser Ort fĂŒr möglichst viele Menschen gleichzeitig funktioniert.

Und tatsÀchlich funktioniert das erstaunlich gut. Wenn jemand versehentlich im Weg steht oder sich nicht ganz regelkonform verhÀlt, folgt nur selten die in Deutschland gut bekannte Mischung aus hörbarem Ausatmen, strengem Blick und dem pÀdagogisch gemeinten Hinweis, dass das so aber nun wirklich nicht gehe. Meist reicht ein freundliches LÀcheln, ein kurzer Blick oder ein ruhiger Hinweis, und die Situation löst sich fast von selbst wieder auf.

Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Geschenk dieses Sommers. Nicht im kostenlosen Hafenbad, nicht in den langen Abenden am Wasser und nicht einmal im Eis danach, sondern in diesem bemerkenswert entspannten GefĂŒhl, dass ein Ort voller Menschen trotzdem ruhig, freundlich und leicht sein kann.

Und sollte dort doch irgendwann tatsĂ€chlich einmal ein Blauwal auftauchen, hĂ€tten wir immerhin den entscheidenden Vorteil: Unsere Kinder wĂŒrden ihn als Erste erkennen.