Schneller ohne Pause

Ein Unterschied, der uns in DĂ€nemark aufgefallen ist: Dort scheint die Pause noch einen besseren PR-Berater zu haben.
Wir wollen nicht stĂ€ndig vergleichen. Wirklich nicht. Aber jetzt, zurĂŒck in Deutschland, drĂ€ngt sich der Eindruck doch ein bisschen auf: Die deutsche Gesellschaft wirkt wie ein Windows-Rechner mit 47 offenen Programmen, drei Updates im Hintergrund und einer Fehlermeldung, die seit Dienstag konsequent weggeklickt wird. FĂŒr die Techies: ein lastverteiltes System, bei dem jeder Pod bei 96 Prozent Auslastung lĂ€uft â und jemand ruft aus der Ecke: âDa geht noch was!â
Das MerkwĂŒrdige daran: Unsere Fitness-Uhren wissen lĂ€ngst, wann Schluss ist. Sie mahnen uns zur Ruhe, bemĂ€ngeln fehlende Regeneration und schicken passive-aggressive Hinweise zum Schlaf. Nur wir selbst halten uns offenbar fĂŒr schlauer als das Ding am Handgelenk.
Dabei sind die DĂ€nen keineswegs grundsĂ€tzlich gegen Selbstoptimierung. Im Gegenteil. Gerade beim Sport können sie sehr ĂŒberzeugend zeigen, was der menschliche Körper alles kann, wenn man ihm regelmĂ€Ăig Dinge zumutet, die in Deutschland unter âunnötigâ fallen wĂŒrden. Der Rennradfahrer fĂŒhlte sich auf seinem Rennrad jedenfalls gelegentlich wie ein Schwermöbeltransport auf zwei RĂ€dern. Und in manchen dĂ€nischen Wohnvierteln könnte Instagram seine Filterabteilung vermutlich schlieĂen: Die Menschen sehen auch ohne technische Nachbearbeitung erstaunlich optimiert aus.
Gemeint ist also nicht die Selbstoptimierung an sich. Gemeint ist dieses deutsche Hineinsteigern. Dieses âMehr ist besserâ, bis irgendwann nur noch vergessen wird, dass der Mensch zwischen zwei Leistungsphasen vielleicht auch noch kurz Mensch sein sollte.
Wenn der Laden im Sommer einfach zu ist
Im Juli bekamen wir von dĂ€nischen Firmen Nachrichten, die in Deutschland vermutlich zunĂ€chst vom Betriebsrat, einem Effizienzberater und mindestens drei LinkedIn-Experten geprĂŒft worden wĂ€ren.
SinngemĂ€Ă: âAnfrage erhalten. Wir machen zwar keine Sommerpause, sind aber wegen der Ferienzeit nur eingeschrĂ€nkt besetzt. Wir kĂŒmmern uns danach darum.â
Danach. Nicht sofort. Nicht âbis 18 Uhrâ. Nicht âunser Team arbeitet mit Hochdruckâ. Danach.
Manche kleinere GeschĂ€fte machten es noch radikaler: Zettel an die TĂŒr. Geschlossen in den Sommerferien.
In Deutschland wĂ€re die Reaktion vermutlich zweigeteilt. Die eine HĂ€lfte: âDie haben es wohl nicht nötig.â Die andere: âDen Leistungswillen kann man ja mit dem Mikroskop suchen.â Wahrscheinlich wĂŒrde noch jemand âFachkrĂ€ftemangelâ sagen, einfach aus Gewohnheit.
In DÀnemark dagegen scheint die Idee akzeptiert, dass Ferien tatsÀchlich Ferien sind. Also eine Zeit, in der Menschen nicht nur an einem anderen Ort sitzen und dort ihre Mails beantworten.
Ein irgendwie schönes Konzept.
Leistung ist kein Dauerlauf mit Videocall
Der vielleicht wichtigste Unterschied ist dieser gegenseitige Leistungsdruck. Nicht unbedingt der Druck von oben, sondern der, den wir uns freundlich selbst organisieren.
Gerade heute hatte der Rennradfahrer wieder eine Diskussion mit einem Kollegen. Seine eigene Position: NatĂŒrlich kann man auch mal ĂŒber einige Wochen deutlich mehr arbeiten. Es gibt Phasen, da ist das nötig. Aber das Ziel kann ja nicht sein, dass dieser Ausnahmezustand irgendwann als Charaktereigenschaft gilt.
Die Antwort des Kollegen: Warum nicht? Das gehöre eben zum Leistungswillen. Mindset, Kollege!
Nun kann man natĂŒrlich darĂŒber streiten, ob viele Stunden automatisch viel Leistung bedeuten. Und ob viel erledigen immer dasselbe ist wie gut und effizient erledigen. Wer schon einmal acht Stunden auf einen Bildschirm gestarrt und in der letzten Stunde eine E-Mail dreimal neu formuliert hat, kennt zumindest erste Zweifel.
Aber selbst wenn man den Leistungswillen zum Volkssport erklÀren möchte: Auf Dauer ist maximale Auslastung ein ziemlich schlechter Trainingsplan. Glauben wir, gelernt zu haben.
FĂŒr den Körper. FĂŒr soziale Beziehungen. FĂŒr die eigene Stimmung. Und irgendwann auch fĂŒr das SelbstwertgefĂŒhl, wenn man beginnt, sich hauptsĂ€chlich darĂŒber zu definieren, wie viele Aufgaben man an einem Tag abhaken konnte.
Das Problem ist nicht, dass wir arbeiten wollen. Das Problem beginnt vielleicht dort, wo wir uns einreden, dass wir immer arbeiten können mĂŒssen.
Die Pause nicht auch noch optimieren
Besonders deutsch wird es dann, wenn wir selbst den Ausgleich wieder effizienter machen wollen.
Dann wird die Pause zum Projekt. Erholung bekommt KPIs. Urlaub muss âmaximalen Erholungswertâ liefern. Sport dient der Leistungssteigerung im Job, Schlaf wird zur ProduktivitĂ€tsmaĂnahme und das Nichtstun vermutlich bald per App ausgewertet.
Herzlichen GlĂŒckwunsch: Wir haben sogar die Entspannung erfolgreich in ein ZielvereinbarungsgesprĂ€ch verwandelt.
Vielleicht ist das der eigentliche Lerneffekt aus DĂ€nemark. Nicht weniger Ehrgeiz. Nicht weniger Leistung. Sondern die etwas weniger dramatische Erkenntnis, dass beides besser funktioniert, wenn dazwischen auch wirklich etwas anderes passiert.
Man kann ein paar Wochen mehr arbeiten. Man kann sich reinhĂ€ngen. Man kann Dinge unbedingt besser machen wollen. Aber dauerhaft auf Anschlag zu fahren, ist weder besonders heroisch noch besonders effizient. Es ist vor allem eine zuverlĂ€ssige Methode, irgendwann sehr erschöpft festzustellen, dass man fĂŒr die Reparatur des Systems leider keine KapazitĂ€ten mehr hat.
Also: Doch etwas gelernt.
Jetzt mĂŒssen wir es nur noch schaffen, diese Erkenntnis nicht ebenfalls mit maximalem Leistungswillen umzusetzen. Mindset!
PS: Das Bild ist natĂŒrlich von der Kollegin Computer, die hat das Mindset.