Zwei Esel machen einen Sonntagsausflug und lernen Dinge ĂŒber Regeln

Regeln sind ja so eine Sache.
âBitte nicht hier parken.â
âDurchfahrt verboten.â
âBei Rot stehen bleiben.â
Man kennt das. Man liest es. Man wÀgt ab. Und insgeheim lÀuft im Kopf die kleine Compliance-Abteilung: Guckt jemand?
Wenn nein, wird aus âverbotenâ schnell âsituativ flexibelâ.
So zumindest die kulturelle PrĂ€gung, die zwei Esel mitbringen, die sich an einem Sonntag an ihrem aktuellen Lebensort zu einem harmlosen KĂŒstenausflug aufmachen.
Das Schild
Der Weg ist relativ schmal, links Meer, rechts Landschaft, dazwischen die Idee von heiler Welt. Und dann dieses Schild, ein Piktogramm auf dem Boden.
FuĂgĂ€nger gehen links vorwĂ€rts, rechts in die entgegengesetzte Richtung.
Radfahrende fahren in der Mitte rechts vorwÀrts und entgegengesetzt in der Mitte links.
Man guckt zweimal drauf.
Es klingt wie die Spielanleitung eines skandinavischen Brettspiels, das man nur gewinnt, wenn alle mitmachen.

Einer der beiden Esel â der auf dem Sattel â denkt: Ach komm.
Der andere Esel â ein betagtes Stadtrad mit leicht lĂ€diertem Rahmen und einem voluminösen Korb als Spezialausstattung â sagt nichts, weil FahrrĂ€der selten intervenieren.
Also wird das Schild zunÀchst als freundlicher Vorschlag verstanden.
Solange wenig los ist
Am Anfang funktioniert das wunderbar. Kaum Menschen unterwegs. Man fĂ€hrt, wie man eben fĂ€hrt. Weicht groĂzĂŒgig aus, wenn jemand kommt, fĂŒhlt sich dabei beinahe nobel.
Doch dann kommt die Sonne. Und mit ihr die anderen.
Plötzlich wird aus dem KĂŒstenweg ein Sonntagsstrom. Menschen, RĂ€der, Kinderwagen, Joggende in ambitionierten Pulszonen.
Der eine Esel reagiert instinktiv groĂzĂŒgig: FuĂgĂ€nger voraus? Dann eben mit dem Rad in die Mitte ausweichen.
Nur: Alle anderen sind schon da.
Alle fahren in der Mitte.
Rechts vorwÀrts. Links entgegengesetzt.
Die FuĂgĂ€nger auĂen. Links vorwĂ€rts, rechts zurĂŒck.
Kein Chaos. Kein Klingelkonzert. Kein empörtes Schulterzucken.
Es wirkt fast unheimlich selbstverstÀndlich.
VerrĂŒckt logisch
Was zunĂ€chst spieĂig klang â diese exakte Aufteilung wie mit dem Geodreieck gezogen â ergibt plötzlich Sinn.
Wenn alle wissen, wo wer hingehört, muss niemand abrupt zur Seite springen.
Wenn alle die gleiche Idee von ârechtsâ und âlinksâ haben, wird aus Enge Raum.
Vorher, bei Nieselregen und wenig Betrieb, hĂ€tte ein RegelverstoĂ niemanden gestört. Aber wer will schon bei Regen MaĂstĂ€be setzen? Regeln zeigen ihren Wert selten im Leerlauf. Sie bewĂ€hren sich, wenn es voller wird.
Man denkt unweigerlich an die Diskussionen, die man aus der Heimat kennt.
Dass diese oder jene Regel ĂŒbertrieben sei.
Dass sie Freiheit beschneide.
Dass sie doch nur fĂŒr AusnahmefĂ€lle gemacht sei und eigentlich niemandem wirklich nĂŒtze.
Und dass man sich ja wohl noch selbst ĂŒberlegen dĂŒrfe, wie man einen Weg benutzt.
Hier scheint man sich etwas anderes zu ĂŒberlegen:
Wie kommen wir gemeinsam am besten durch?
Nicht heroisch. Nicht ideologisch. Einfach praktisch.
Gegenwind und Einsicht
Die 15 Kilometer Gegenwind tragen ihren Teil zur inneren Einkehr bei. Der Esel auf dem Sattel ist irgendwann ziemlich durch. Der Esel unter ihm â Korb tapfer im Wind â ebenfalls.
Aber es gibt ja die andere Richtung.
15 Kilometer RĂŒckenwind.
Und plötzlich ist alles leichter. Das Treten, das Denken, das Akzeptieren, dass ein Schild nicht immer Misstrauen bedeutet, sondern manchmal Koordination.
Am Ende dieses Sonntags wissen die zwei Esel vor allem eines:
Regeln sind dann unerquicklich, wenn man sie als Misstrauensvotum versteht.
Und erstaunlich angenehm, wenn man merkt, dass sie einfach nur helfen, damit niemand ins Meer geschubst wird.
Man muss sie nicht lieben.
Es reicht schon, wenn man sie gemeinsam benutzt.