Krokusse, Kandidatinnen, KĂŒstenwind

Wahlplakate

Jetzt ist er da, der FrĂŒhling.

Der Schnee hat kapituliert, der Himmel macht wieder in Blau, morgens brennt die Sonne dramatisch ĂŒber den DĂ€chern, als hĂ€tte jemand den Instagram-Filter „Skandinavische Zuversicht“ aktiviert. Ohne Jacke geht es manchmal auch schon. Manchmal. Wir wollen es ja nicht ĂŒbertreiben.

Die ersten Krokusse sprießen.
Und die Wahlplakate.

Kopenhagen wÀhlt bald.

Gesichter ĂŒber Gesichter

Wahlplakat

Wir verkneifen uns an dieser Stelle sĂ€mtliche Name-Jokes. Auch wenn es verfĂŒhrerisch ist, Kandidatinnen oder Kandidaten mit Nachnamen zu kommentieren, die im Englischen.... Name-Jokes waren schon immer billig. Das wissen wir aus eigener Erfahrung. Die schmerzen manchmal.

Was uns stattdessen auffÀllt:
GefĂŒhlt 75 Prozent der Plakate zeigen weibliche Gesichter. Und oft sehr junge.

Das ist – aus unserer bisherigen Perspektive – bemerkenswert.

Die Plakate selbst sind erstaunlich unaufgeregt. Meist ein Gesicht. Der Parteiname. Vielleicht ein kurzer Slogan. Oft nicht einmal das. Kein rhetorisches FlĂ€chenbombardement. Keine „Jetzt-erst-recht“-Großbuchstaben. Kein Weltuntergang in 72 Punkt-Schrift.

Ein LĂ€cheln. Ein Name. Fertig.

Man könnte fast meinen, Politik sei hier etwas, das man Menschen zutraut – nicht Schlagworten, Zorn oder Provokation.

Die Zeitung fĂŒr Neuankömmlinge

Zur Orientierung bekamen wir bei unserer Anmeldung eine Stadtneulings-Zeitung in englischer Sprache in die Hand gedrĂŒckt. Die Ausgabe war eine Art politisches Onboarding light.

Wer tritt an?
Wer hat Chancen?
WofĂŒr stehen sie?

AuffĂ€llig: Die chancenreichsten drei Parteien werden von Frauen angefĂŒhrt. Und in den Interviews geht es erstaunlich hĂ€ufig um soziale Fragen. Bildung. Zusammenhalt. Stadtentwicklung. Pflege. Klima. Radverkehr. Alltag.

Selbst konservative Parteien argumentieren sozial.
Und bei den Liberalen findet man wirtschaftsfreundliche Töne, ja – aber der große Freiheitsfuror bleibt aus. Keine Tiraden gegen die Zumutungen des Staates. Aus unserer Heimat betrachtet sind die Zumutungen in Sachen Steuern und Transparenz der BĂŒrger hier fĂŒr manche Menschen sicher skandalös. Das Streitbarste in der Zeitung sind eher VorschlĂ€ge wie: vielleicht gĂŒnstigere AutoparkplĂ€tze?

Man liest das und denkt: Das ist jetzt die Kontroverse?

Henne oder Ei – nur skandinavisch

Unweigerlich stellt sich die Frage:
Was war zuerst da?

Die sozial geprÀgte politische Kultur, aus der eine breite Vielfalt an Kandidatinnen erwachsen ist?
Oder die vielen Frauen und untypischen Politikfiguren, die diese Kultur geprÀgt haben?

Keine Frage fĂŒr dieses Tagebuch. Und schon gar nicht fĂŒr einen schnellen Wochentagsgedanken zwischen Krokus und KĂŒstenwind.

Aber eine spannende Frage.

Denn irgendwo zwischen Wahlplakat und Morgensonne schleicht sich der Eindruck ein, dass politische Auseinandersetzung auch leiser funktionieren kann. Weniger testosterongetrieben. Weniger apokalyptisch. Vielleicht sogar mit einem Grundvertrauen, dass das GegenĂŒber nicht automatisch der Untergang des Abendlandes ist.

Wir schauen zu

Wir sind noch neu hier. Politisch fluide, kulturell im Lernmodus.

Unser Onboarding in die dĂ€nische Gesellschaft – das mit Behörden, Nummern, digitalen IdentitĂ€ten und ĂŒberraschenden Momenten – erzĂ€hlen wir ein anderes Mal.

Jetzt beobachten wir erst einmal.

Wie plakatiert wird.
Wie diskutiert wird.
Wie gestritten wird – oder eben nicht.

Und vielleicht lernen wir dabei, dass FrĂŒhling nicht nur eine Jahreszeit ist, sondern manchmal auch eine Tonlage.