Das Schlechte in uns

Wohngebaeude_mit_Gemeinschaftsbereich

Wir haben uns erwischt.

Schon wieder.

Nicht schlimm erwischt. Also nicht „Hotelhandtuch mitgehen lassen“ oder „versehentlich eine Monarchie gestĂŒrzt“. Eher so die kleinen, alltĂ€glichen Dinge, bei denen man merkt: Ach guck. Die deutsche Sozialisation sitzt offenbar tiefer als gedacht.

Dabei hatten wir doch eine Theorie.

Eine sehr gute Theorie sogar. Eine elegante Theorie. Eine Theorie, die man hervorragend in GesprÀchen mit leichtem Rotwein in der Hand und bedeutungsvollem Nicken verwenden kann:

„It’s the infrastructure, stupid.“

Wenn Dinge hier besser funktionieren, dann wegen der Rahmenbedingungen. Wegen der guten Radwege. Wegen der gemeinsamen RĂ€ume. Wegen der sicheren VerkehrsfĂŒhrung. Wegen der kleineren Gesellschaft. Wegen der Tatsache, dass man nicht permanent das GefĂŒhl hat, gegen alle anderen um das letzte StĂŒck RestwĂŒrde im öffentlichen Raum kĂ€mpfen zu mĂŒssen.

Und ja: Das stimmt wahrscheinlich auch alles.

Aber leider ist da noch etwas anderes.

Wir.

Die RĂŒckkehr des inneren Deutschen

Neulich sind wir bei Rot rechts abgebogen.

Mit dem Fahrrad.

Nicht dramatisch. Kein Kind in Gefahr, keine Oma vom Lastenrad geschubst, kein internationaler Haftbefehl.

Aber eben: unnötig.

Und vor allem auffÀllig.

Denn hier machen das erstaunlich wenige Menschen. NatĂŒrlich gibt es auch hier die eine oder andere Person, die schnell noch durchzieht. Aber insgesamt wird erstaunlich geduldig gewartet.

Wir hingegen so:
„Ach komm, da kommt doch gerade wirklich niemand.“

Dann sind wir an einem umgekippten Fahrrad vorbeigelaufen, ohne es aufzuheben.

Einfach weiter.

Weil wir es eilig hatten.

Und spĂ€ter, als wir darĂŒber nachdachten, merkten wir: Das Schlimmste daran war gar nicht das Vorbeigehen. Sondern dass wir innerlich sofort eine komplette Rechtfertigungsrede vorbereitet hatten.

Wir waren im Stress.
Andere hÀtten das auch nicht gemacht.
Außerdem war das Fahrrad wahrscheinlich schon vorher umgefallen.

Der deutsche Rechtfertigungsapparat lÀuft zuverlÀssig an wie ein alter Diesel im Winter.

Die Sache mit dem „Nicht zu kurz kommen“

Dann lasen wir diese Studie- (oder auch Fazit im Tagesspiegel).

Eine internationale Untersuchung zu aggressiv-rivalisierendem Narzissmus. Deutschland: Spitzenplatz.

Nicht der glamouröse Narzissmus ĂŒbrigens. Nicht dieses amerikanische „Ich bin großartig!“.

Nein.

Der deutsche Narzissmus funktioniert eher so:

„Eigentlich werde ich permanent benachteiligt und jetzt achtet bitte gefĂ€lligst darauf, dass ich hier nicht zu kurz komme.“

Und plötzlich erkennt man sich leider öfter wieder, als einem lieb ist.

Im Supermarkt zum Beispiel.

Diese leichte innere Unruhe, wenn an der Kasse jemand zu lange Kleingeld sucht.

Oder dieser vorwurfsvolle Blick auf die trödelnde Mette oder den Ole vor einem auf dem Hollandrad.

Dieser Blick, der sagt:

„Andere Menschen – also wir – möchten hier ebenfalls vorankommen.“

Ein Satz, der erstaunlich oft in Deutschland gesagt wird, obwohl alle Beteiligten sich exakt gleich schnell im Stau befinden.

Menschen sind Copycats

Das Interessante ist:

Hier verschwindet vieles davon tatsÀchlich ein bisschen.

Nicht sofort.
Nicht vollstÀndig.
Aber spĂŒrbar.

Wenn niemand drÀngelt, drÀngelt man selbst weniger.

Wenn niemand einen Fehler sofort mit einem genervten Blick kommentiert, kommentiert man selbst auch weniger.

Wenn Menschen entspannt miteinander umgehen, wird man automatisch entspannter.

Menschen kopieren sich gegenseitig. Permanent.

Eine Gesellschaft ist im Grunde eine riesige soziale Gruppenarbeit mit leicht unterschiedlicher Kleidung.

Und deshalb merkt man hier tÀglich, wie sehr Verhalten von Verhalten abhÀngt.

Leider kopieren wir auch zurĂŒck

Das Problem ist nur:

Man bringt seine alten Muster halt mit.

Wie einen emotionalen HandgepÀckkoffer voller kleiner Reflexe.

Zum Beispiel dieses nervöse Zappeln in Warteschlangen.

Oder dieses innere BedĂŒrfnis, irgendwo noch schnell vorbei zu kommen.

Oder diese winzige Empörung darĂŒber, dass jemand anders gerade nicht optimal effizient funktioniert.

Wir ertappen uns dabei stÀndig.

Und dann Ă€rgern wir uns ĂŒber uns selbst.

Nicht dramatisch. Eher auf eine leicht peinliche Weise.

Wie wenn man aus Versehen wieder „Mit freundlichen GrĂŒĂŸen“ unter eine Messenger-Nachricht schreibt.

Infrastruktur reicht nicht allein

Pumpstation

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Erkenntnis.

Ja, Infrastruktur macht unglaublich viel aus.

Breite Radwege sorgen dafĂŒr, dass Menschen entspannter Rad fahren. Gute öffentliche RĂ€ume sorgen dafĂŒr, dass Menschen sich hĂ€ufiger begegnen. Weniger Stress erzeugt weniger Aggression.

Aber die Gesellschaft selbst macht eben auch etwas.

Die Art, wie Menschen miteinander umgehen.
Wie sie auf Fehler reagieren.
Wie viel Misstrauen oder GroßzĂŒgigkeit im Alltag steckt.

Das alles prÀgt Verhalten mindestens genauso.

Und wir merken: Man kann sich daran gewöhnen. Man kann es lernen.

Aber offenbar nicht in drei Monaten komplett umprogrammieren.

Halbzeit

Denn inzwischen ist Halbzeit.

Die HĂ€lfte unserer Zeit hier ist vorbei.

Und wir fragen uns ernsthaft:

Werden wir in den verbleibenden drei Monaten entspanntere Menschen?

Oder stehen wir am Ende wieder in Deutschland an irgendeiner Supermarktkasse und atmen passiv-aggressiv aus, weil jemand vor uns seine Bonusprogramm-Karte sucht?

Wir werden berichten.

Wahrscheinlich leicht genervt. Habt VerstÀndnis.