Vier Menschen, ein Rennrad und das dÀnische Sylt

Bornholmfaehre

Wahrscheinlich sind inzwischen ziemlich viele Leserinnen und Leser dieses kleinen Kopenhagen-Tagebuchs leicht erschöpft.

Schon wieder irgendwelche gesellschaftlichen Beobachtungen. Schon wieder Dinge, die hier irgendwie entspannter, praktischer oder angenehmer wirken. Immer dieses „In DĂ€nemark ist alles anders“-GefĂŒhl, das fĂŒr Menschen, die ganz zufrieden dort leben, wo wir herkommen, vermutlich irgendwann den Charme eines sehr langen Vortrags ĂŒber WĂ€rmepumpen entwickelt.

Deshalb heute: etwas völlig anderes.

Ein klassischer Reisebericht.

Mit FĂ€hre.
Mit Gegenwind.
Mit Pizza.
Mit normalen Fotos. Und mit einem Rennradfahrer, der selbstverstÀndlich auch im Kurzurlaub nicht einfach mal ruhig sitzen kann.

Bornholm – oder: das dĂ€nische Sylt mit Felsen

Bornholm-Gutschein

Unser Ziel: Bornholm.

Eine Insel in der Ostsee, die geografisch eigentlich nĂ€her an Schweden liegt als am Rest DĂ€nemarks und im Mai offenbar kollektiv beschlossen hat, sich ausschließlich von ihrer schönsten Seite zu zeigen.

Spontan gebucht. Als Geburtstagsgeschenk fĂŒr ein Familienmitglied.

Drei Personen der Reisegruppe steigen einfach in den Bus namens „Bornholmexpressen“, fahren bis Ystad und dann weiter mit der FĂ€hre.

Die vierte Person – wir nennen sie aus DatenschutzgrĂŒnden „der Rennradfahrer“ – schafft es natĂŒrlich nicht, einfach nur Mensch zu sein, sondern bucht zusĂ€tzlich noch ein Rennrad mit ein.

Geht auch.
Aber nicht in jedem Bus.

Also reist der Rennradfahrer getrennt. Wie ein bemĂŒht sportlicher Außenseiter in einem skandinavischen Familiendrama.

FĂ€hrenromantik und erste Übermotivation

Faehrkapitaen

Die Anreise lÀuft erstaunlich reibungslos.

Die FĂ€hre gleitet durch die Ostsee, die Sonne scheint, die Luft ist klar und irgendwo zwischen Wasser, Wind und Möwengeschrei beginnt bereits dieses GefĂŒhl, dass alle Probleme des Alltags wahrscheinlich einfach nur zu wenig Meerblick haben.

Bornholm empfÀngt uns dann dörflich-idyllisch.

Roenne

Bunte HĂ€user. Kleine HĂ€fen. Ruhige Straßen.
Und ĂŒberall dieses leicht unwirkliche Licht, das Menschen sofort anfangen lĂ€sst, Immobilienpreise zu googeln.

Der Rennradfahrer hingegen googelt keine Immobilienpreise.

Er fÀhrt direkt nach der Ankunft einmal um die Insel.

100 Kilometer.
Fast 1.000 Höhenmeter.

Rennrad

Denn offenbar reicht es nicht, auf einer wunderschönen Insel anzukommen. Man muss sich zusÀtzlich körperlich zerstören. Und beim Zustand dieses Rennradfahrers reicht diese Distanz.

Immerhin stellt sich dabei heraus: Bornholm ist deutlich hĂŒgeliger als gedacht. Und auch grĂ¶ĂŸer.

Die KĂŒstenstraßen allerdings: ein Traum.

Wasserblicke. Klippen. WÀlder. Kleine Fischerdörfer.
Und diese merkwĂŒrdige nordische Kombination aus Ruhe und Wind, die einen gleichzeitig entspannt und motiviert macht.

Ausblick

Ferienwohnung mit Bauernhaus-Überraschung

Unterkunft

Am Abend Einkauf bei Lidl.

Nur Kleinigkeiten, denn auf der FĂ€hre gab es bereits ein erstaunlich gutes Buffet. Überhaupt scheint DĂ€nemark die FĂ€hre nicht als Transportmittel zu begreifen, sondern als Gelegenheit, Menschen sofort mit warmem Essen und viel Schokolade emotional zu stabilisieren.

Dann die Ferienwohnung.

Von außen: leicht erschöpftes Bauernhaus mit dem Charme einer ehemaligen Landarztpraxis.

Von innen: skandinavischer Einrichtungstraum.

Großes Wohnzimmer. Riesige Sofaecke. Holzparkett. Langer Esstisch. Brettspiele.

Unter anderem: „Matador“, die dĂ€nische Variante von Monopoly, nur mit etwas mehr Hygge und vermutlich direkterer Kapitalismuskritik.

Dazu ein Schlafzimmer mit kleiner Wintergarten-Veranda, die so gemĂŒtlich aussieht, dass man sofort beginnt, innerlich Kerzen anzuzĂŒnden.

KĂŒche und Bad eher schlicht. Also wirklich schlicht.
Und plötzlich merkt man: Erst wenn kein GeschirrspĂŒler da ist, versteht man, wie tief die eigene Beziehung zu GeschirrspĂŒlern wirklich geht.

Der KĂŒstenradweg und die mathematische RealitĂ€t von Steigungen

Radtour

Am Samstag holen wir LeihrÀder im Hafen von RÞnne ab.

Plan: gemĂŒtlich Richtung Hammershus radeln.

Der Fahrradverleiher erwĂ€hnt vorsichtig, dass es dort „ein wenig hĂŒgelig“ sei.

Der Rennradfahrer nickt wissend.
Die anderen drei Personen unterschÀtzen die Situation fatal.

ZunÀchst ist alles wunderbar.

Verwunschene WĂ€lder.
KĂŒstenwege.
Kleine Hafenorte.
Glitzernde Steine am Strand.

Bornholm im Mai hat dabei etwas fast UnverschĂ€mtes: Überall blĂŒht es bereits, die Rapsfelder leuchten gelb, gleichzeitig ist die Insel noch angenehm leer, weil die große Urlaubersaison erst langsam beginnt. Viele CafĂ©s und RĂ€uchereien öffnen gerade erst wieder vollstĂ€ndig, als wĂŒrde die ganze Insel kollektiv aus dem Winterschlaf kommen.

Dann kommen die Steigungen.

Radtour

Bis zu 21 Prozent.

Nach dem vierten Anstieg kippt die Stimmung bei sehr genau 75 Prozent der Reisegruppe leicht ins AutoritÀre.

Radtour

Also Pause.

Strand. Hafenort. Durchatmen.

Radtour

Der Steinbruch und die Frage nach der Stativpflicht

Radtour

Auf dem RĂŒckweg nehmen wir einen Wanderweg.

Radfahren wÀre dort ohnehin eher ein theoretisches Konzept.

Und plötzlich stehen wir in einem Steinbruch, den wir vorher bereits im ReisefĂŒhrer gesehen hatten. Dramatische Felsen, eine BrĂŒcke ĂŒber die Schlucht, beeindruckendes Licht, alles sehr fotogen.

Zu fotogen vielleicht.

Denn offenbar haben alle anderen Besuchenden professionelle Kameras samt Stativ dabei.

Wir beginnen uns zu fragen, ob man hier ohne Spiegelreflexkamera ĂŒberhaupt legal sein darf.

Niemand spricht uns an.
Aber wir fĂŒhlen uns kurz wie Menschen, die versehentlich in einer Naturdokumentation gelandet sind.

Bergab schmeckt besser

Radtour

Die Laune steigt auf dem RĂŒckweg wieder rapide an.

Erstens: Bergab.
Zweitens: Trinkwasser.
Drittens: Eis.

Eine emotionale Kombination, die schon viele Familienurlaube gerettet hat. Bei unserem Familienfoto auf einem Kliff sprengt eine Hummel das harmonische Bild der vier Personen. Fliegt mitten hinein. Tss.

ZurĂŒck in RĂžnne gibt es Pizza und Pommes in einem einfachen Restaurant.

Und selten hat uns etwas besser geschmeckt.

Vielleicht ist das ĂŒberhaupt die wichtigste Regel des Reisens:

Nach genug Wind, Sonne und Bewegung wird selbst eine durchschnittliche Pommes zu einer spirituellen Erfahrung.

Radtour

Am Abend spielen wir Matador. Die Junior-Version. Eine Art Monopoly auf dĂ€nisch. Vermutlich mit Bezug zur dĂ€nischen Serie mit dem gleichen Namen, die angeblich die dĂ€nische Gesellschaft so gut erklĂ€rt, dass man danach jeden EinbĂŒrgerungstest sofort bestehen wĂŒrde. Dumm nur, dass es die Serie nur auf dĂ€nisch zu geben scheint. Aber wir nehmen uns vor, sie zu schauen. Denn auch andere haben die bereits empfohlen.

Abschied mit Rehen

Am nĂ€chsten Morgen dreht der Rennradfahrer natĂŒrlich noch eine kleine Abschiedsrunde.

50 Kilometer.
„Nur“ 300 Höhenmeter.

Rennradtour

Bornholm zeigt sich noch einmal von seiner schönsten Seite:

Hasen.
Rehe.
Schafe.
Seen.
Felder.
Sanfte HĂŒgel.

Und ĂŒberall diese ruhige, offene Landschaft, die einen gleichzeitig erdet und sofort ĂŒberlegen lĂ€sst, ob man nicht vielleicht doch irgendwann aufs Land ziehen sollte – bis man sich daran erinnert, dass dort vermutlich kein guter Flat White in Laufweite existiert.

Heimreise mit Restverliebtheit

Roenne

Der Busfahrer befestigt das Rennrad auf dem FahrradtrÀger mit jener Mischung aus nordischer Gelassenheit und latentem Desinteresse, die einem sofort signalisiert: Das wird schon halten.

Die FĂ€hre ist diesmal deutlich voller.

Menschen mit Wanderschuhen. Familien. Ü60. Sehr viele Outdoorjacken.

Und wÀhrend die Insel langsam hinter uns verschwindet, wird klar:

Bornholm ist kein spektakulÀrer Ort im klassischen Sinne.

Keine riesigen SehenswĂŒrdigkeiten. Kein großes Entertainment. Kein Dauerprogramm.

Stattdessen: Meer. Wind. Licht. Ruhe. Bewegung.

Und genau deshalb fahren wir wahrscheinlich ein kleines bisschen verliebt in dieses Eiland wieder zurĂŒck nach Kopenhagen.