Drei Hummeln im Fahrradschwarm

Wir wissen.
Wir haben schon ĂŒber Radfahren geschrieben.
Und ja, es kommt schon wieder vor.
Aber wir bitten um Nachsicht: In unserer Familie sind mindestens 50% nicht nur fahrradbegeistert, sondern auch der Ăberzeugung, dass dieses GerĂ€t mit zwei RĂ€dern einen erstaunlich groĂen Teil der menschlichen MobilitĂ€t erledigen könnte. GesĂŒnder. Umweltfreundlicher. Und oft sogar schneller als das Blech mit Sitzheizung.
Und wir haben inzwischen so etwas wie Beweise gesammelt. Hier. Offen gesagt: Ein bisschen sind wir auch deswegen da, um diese Theorie zu plausibilisieren.
Der Schulweg als Autobahn
Seit das Wetter besser ist, fahren wir jeden Tag mit dem Rad zur Schule.
FĂŒnf Kilometer pro Strecke.
Das klingt zunĂ€chst ĂŒberschaubar.
FĂŒhlt sich aber manchmal an wie eine Mischung aus Stadtautobahn und Bienenstock.
Die ersten Tage waren geprĂ€gt von leicht erhöhtem Adrenalinspiegel. Ăberholmanöver im Sekundentakt, LastenrĂ€der mit erstaunlichem Tempo, RennrĂ€der, die aussehen, als hĂ€tten sie gerade noch eine Alpenetappe beendet. Und dazwischen wir.
Mittlerweile lÀuft es erstaunlich routiniert.
Selbst Kind 2 â bislang nicht als Verkehrsstrategin aufgefallen â rangiert inzwischen souverĂ€n zwischen den Massen. Man merkt: Infrastruktur wirkt offenbar auch auf das Selbstbewusstsein.
An der Ecke zur Lille Langebro ordnen wir uns jeden Morgen in die Linksabbiegerspur ein. Von der BrĂŒcke kommt dann ein Pulk aus LastenrĂ€dern, RennrĂ€dern und robusten StadtrĂ€dern ĂŒber uns herĂŒbergeschwappt.
Wir fĂŒhlen uns dabei ein wenig wie eine Hummel in einem Bienenschwarm.
Die Hummel fliegt bekanntlich auch nicht besonders elegant â aber sie kommt irgendwie mit.
Die Lille Langebro fĂŒhrt ĂŒbrigens ziemlich direkt Richtung RĂ„dhuspladsen, parallel zur Langebro, die eher der klassischen Autokultur vorbehalten ist.
Die Verkehrsarten sind hier also fein sĂ€uberlich getrennt â was offenbar dazu fĂŒhrt, dass jede Seite ziemlich entspannt bleibt.
Strukturiertes Chaos
Der Verkehr selbst wirkt zunÀchst chaotisch, funktioniert aber erstaunlich gut.
Alle fahren zĂŒgig.
Alle wissen ungefÀhr, wo sie hingehören.
NatĂŒrlich gibt es auch hier die eine Mette oder den einen Ole, die gemĂŒtlich rechts mit uns trödeln. Und es gibt Carls, Idas, Peters oder Linneas, die sehr entschlossen an uns vorbeiziehen â gelegentlich auch ĂŒber rote Ampeln.
Was es erstaunlich selten gibt: Geschrei.
Oder dieses vorwurfsvolle âHast-du-nicht-gesehen?â-Theater, das man aus anderen Verkehrskulturen kennt.
Man fĂ€hrt. Man ĂŒberholt. Man rollt weiter.
Die kleinen Details
An der Ecke zur Lille Langebro werden gelegentlich sogar Warenproben verteilt. Smoothies zum Beispiel. Man fĂ€hrt zur Arbeit â und bekommt unterwegs Vitamine gereicht. Nahmen wir gern mit.
An gröĂeren Kreuzungen gibt es kleine Halterungen, an denen Radfahrende sich beim Warten festhalten können, ohne abzusteigen.
Es gibt eigene Ampelphasen fĂŒr FahrrĂ€der.
Und erstaunlich viel Wartezeit an Fahrradampeln. Es ist eben nicht alles super. Oder unsere Erwartungen sind echt schnell gestiegen.
Rechtsabbiegen fĂŒhlt sich dabei manchmal leicht absurd an, weil man vor einer roten Ampel steht und denkt: Eigentlich könnte ich lĂ€ngst weg sein.
Manche andere denken das offenbar auch.
Die digitalen FahrradzĂ€hlstellen zeigen wĂ€hrenddessen beeindruckende Zahlen an. Selbst auĂerhalb des Zentrums. Zahlen, die deutlich machen: Das hier ist keine NischenmobilitĂ€t.

Maritimes Wetter
Heute Nachmittag: maritimes Wetter.
Also dieser feine Nieselregen, der zunÀchst harmlos wirkt und sich dann langsam aber sehr zuverlÀssig durch jede Textilfaser arbeitet.
Morgens war noch Sonne.
Nachmittags dann eben nordische RealitÀt.
Wir fahren trotzdem mit dem Rad von der Schule zurĂŒck.
In Berlin wĂ€ren die Radwege bei diesem Wetter ziemlich leer. Abgesehen von den wirklich Entschlossenen â also den ADFC- oder Critical-Mass-Aktivisten. Die dann mit Funktionsjacken, entwickelt fĂŒr Himalaya-Expeditionen, heldenhaft ĂŒber die deutschen Radwege grummeln.
Hier in Kopenhagen?
Die Radwege sind fast genauso voll wie sonst.
Menschen fahren in ganz normaler Kleidung. WeiĂe Stoffhose. Gute Lederschuhe. Manchmal sogar mit einem LĂ€cheln.
Wie genau das physikalisch funktioniert, wissen wir noch nicht.
Aber offenbar funktioniert es.
Parkplatzfrage
Auch das Parken wirkt⊠pragmatisch.
FahrrĂ€der stehen an StĂ€ndern, an HauswĂ€nden, in Innenhöfen. Jedes Haus sieht ein bisschen so aus wie in Berlin der BĂŒrgersteig vor einem Fahrradladen.
In unserem Innenhof stehen mehr FahrrÀder als Wohnungen existieren.
Es gibt UnterstĂ€nde. Fahrradparkgaragen. Und sogar Tiefgaragen, die wir zunĂ€chst fĂŒr Autos gemacht hielten â bis wir merkten, dass dort auch FahrrĂ€der parken.
Die VerhÀltnisse sind offenbar klar geregelt.

RĂŒcksicht â nur anders herum
Und dann fÀllt noch etwas auf.
Wir kennen das GefĂŒhl, beim Radfahren stĂ€ndig RĂŒcksicht auf Autos nehmen zu mĂŒssen. Vorsichtig sein. Platz machen. Sich einordnen.
Hier scheint es meist umgekehrt zu laufen.
Menschen in Autos warten.
Menschen in Autos ordnen sich ein.
Menschen in Autos bremsen.
Nicht dramatisch. Nicht ideologisch. Einfach als Teil eines Systems, in dem FahrrÀder ein ganz normaler Verkehrsteilnehmer sind.
Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied.
Nicht nur, dass hier mehr FahrrÀder fahren.
Sondern dass niemand ĂŒberrascht wirkt, wenn sie es tun.
Ein Beweis. Und ein Beweis, dass mehr muskelbetriebene MobilitÀt möglich ist, ohne dass Bequemlichkeit oder Wirtschaft leiden.