Von Realisten, rosaroten Brillen und dem Versuch, etwas zu meckern

Wind

Endlich.

Das haben wir uns fest vorgenommen:
Bisher sind alle Berichte aus Kopenhagen
 positiv. Immer kommt irgendetwas, das uns gefĂ€llt. Etwas, das uns anregt. Etwas, das – man muss es so sagen – besser wirkt als daheim.

Das kann ja nicht sein.

Das ist diese sogenannte rosarote Brille. Die muss weg.
Also ergeht vor einer Woche der klare Auftrag an die Familie:

Sammelt alles, was Euch hier nicht gefĂ€llt. Alles, was schlechter ist als in Berlin. Sonst werden wir unglaubwĂŒrdig.

Das Ergebnis?

Nun ja.
Unbefriedigend.
Teilweise etwas
 herbeigedacht.

Aber gut. Wir liefern.

Preise – oder: Willkommen im Norden

Kopenhagen ist teuer.

Nicht ein bisschen.
Sondern spĂŒrbar.

Im Supermarkt: gefĂŒhlt 20–30 Prozent mehr.
In der Gastronomie: eher 30–40 Prozent.
Die Wohnung: ebenfalls deutlich teurer.

Eigentlich: alles.

Also beginnen wir, Dinge zu tun, die wir aus Deutschland kennen – nur mit mehr Ernsthaftigkeit:
Wir jagen Angebote.

Denn die sind hier tatsÀchlich interessant. Wenn etwas reduziert ist, dann richtig.

Und wenn wir essen gehen, landen wir erstaunlich oft im Restaurant von IKEA.
Nicht nur nah dran. Sondern auch: gut und gĂŒnstig.

Samstag ist jetzt also
 IKEA-Tag.

Man arrangiert sich.

Und fragt sich gleichzeitig:
Wie machen das eigentlich die anderen?

Die Antwort scheint zu sein: recht entspannt.

Vielleicht liegt es am Einkommen. Im Schnitt rund 40.000 Kronen im Monat – also etwa 5.000 Euro. In Deutschland mit 4.500 Euro etwas weniger. Alles brutto natĂŒrlich.

Und vielleicht auch an der Verteilung.
Bei SteuersĂ€tzen jenseits der 50 Prozent verteilt sich vieles offenbar etwas gleichmĂ€ĂŸiger.

Milch – die leise Morgenkrise

Und dann gibt es noch die Milch.

Ein unscheinbares Produkt, das plötzlich zum Diskussionsgegenstand wird.

Die Milch hier wird erstaunlich schnell schlecht. Deutlich schneller, als wir es aus Deutschland kennen.

Warum genau? Vermutlich andere Verarbeitung, andere Haltbarkeit, vielleicht auch weniger „Optimierung“ auf lange Lagerung.

Ist das besser?

Möglicherweise.

Ist es morgens beim FrĂŒhstĂŒck praktisch?

Eher nicht.

Wenn der Kaffee plötzlich einen leicht philosophischen Beigeschmack bekommt, merkt man:
Auch Fortschritt hat seine Grenzen.

Wind – die ehrliche Naturgewalt

Dann wÀre da noch der Wind.

Ein Punkt, der fast schon unfair ist, weil man ihn schlecht kritisieren kann.

Aber: Es windet.
Und zwar gerne.

Besonders eindrucksvoll: Tage, an denen man beim Radfahren das GefĂŒhl hat, in beide Richtungen Gegenwind zu haben.

Physikalisch erklÀrbar? Vielleicht.
Emotional schwer vermittelbar.

Man nimmt es hin.
Man tritt etwas fester.

Verkehrsverhalten – diesmal auf zwei RĂ€dern

Radverkehr

Und jetzt wird es interessant.

Wir hatten ja bereits ĂŒber die erstaunlich höflichen Autofahrenden berichtet.
Das stimmt auch weiterhin.

Aber: Es gibt ja noch die andere Seite.

Die Radfahrenden.

Und weil hier wirklich fast alle Rad fahren, findet sich auf den Radwegen
 die gesamte Gesellschaft.

Der Klassiker ist auch hier vertreten:
Der Egoist.

FrĂŒher im BMW, der noch schnell ĂŒber die rote Ampel zieht.
Hier auf einem leicht klapprigen Hollandrad. Aber mit dem gleichen inneren Antrieb: Ich muss da jetzt noch durch.

Dann gibt es die Familienmutter im SUV – nur eben als motorisiertes Lastenrad.
Groß, schnell, zielgerichtet. 26 km/h, und man merkt: Das ist kein Sonntagsausflug.

Und natĂŒrlich die Ungeduldigen.
Die sich an der Ampel nach vorne schieben.
Ganz leise. Ganz unaufgeregt. Aber bestimmt.

Was bei uns auf vier RĂ€dern sichtbar wird, passiert hier auf zwei.

Nur: leiser.
Und insgesamt erstaunlich zivilisiert.

Aber eben doch: menschlich.

Mopeds – die unerwarteten Mitfahrer

Die Radwege sind breit.

Sehr breit.

So breit, dass auch Mopeds darauf passen.
Und – Überraschung – sie sind auch da.

Mit gelbem Nummernschild, was bedeutet: erlaubt.

Das fĂŒhrt zu Situationen, in denen ein Lieferdienst-Moped sich noch neben ein Lastenrad schiebt, wĂ€hrend man selbst versucht, halbwegs stabil die Spur zu halten.

Nicht dramatisch.
Aber
 sagen wir: bemerkbar.

Straßen ohne Radwege – die Ausnahme als Problem

Es gibt sie tatsĂ€chlich: Straßen ohne Radwege.

Nicht viele. Aber genug, um aufzufallen.

Und dort passiert etwas Interessantes.

Autofahrende wirken
 irritiert.

Normalerweise sind Radwege hier klar getrennt, oft sogar erhöht. Jeder hat seinen Raum. Alles ist eindeutig.

Und dann plötzlich: eine Straße, ein Raum, eine weiße Linie.

WĂ€hrend in Deutschland Autofahrer inzwischen oft großzĂŒgig ausweichen, fahren sie hier eher knapp vorbei.

Unsere These:
Man ist es einfach nicht gewohnt, sich den Raum zu teilen.

Unfreundliche AuslÀnder

Und dann noch das Thema Freundlichkeit.

Wir haben bisher
 kaum unfreundliche Menschen getroffen.
Also wirklich: fast keine.

Doch. Ein paar gab es.

Und interessanterweise waren sie alle erkennbar keine DĂ€nen.

In unserer Nachbarschaft leben viele Expats. Auch viele Deutsche.

Und dort zeigt sich etwas, das man fast schon vermisst hatte:
die FĂ€higkeit, Dinge kritisch zu sehen.

Oder sagen wir: zu bemÀkeln.

In lokalen Facebook-Gruppen kann man das live beobachten.

Beispiel: Ein neues Café eröffnet bald. Mit deutschen Torten.

Die Reaktion der DĂ€nen:
„Hui, toll!“

Ein deutscher Kommentar:
„In DĂ€nemark ist es nicht möglich, eine originale SchwarzwĂ€lder Kirschtorte zu backen. Es fehlen elementare Zutaten. Das muss scheitern.“

Man fĂŒhlt sich kurz wie zu Hause.

Fazit – mit Restzweifel

Das also sind sie: unsere gesammelten Kritikpunkte.

Preise. Milch. Wind. Ein paar Eigenheiten im Verkehr. Mopeds. Seltene Straßen ohne Radweg. Und
 importierte Unfreundlichkeit.

Nicht nichts.

Aber auch nicht der große Gegenentwurf.

Vielleicht ist die rosarote Brille also noch nicht ganz abgesetzt.

Oder – und das wĂ€re die unangenehmere Erkenntnis –
es gibt einfach weniger Grund, sie abzunehmen.