Eisloch mit Meerblick

Winterempfang

„In Kopenhagen fällt Schnee, bleibt aber meist nicht lange liegen, da milde Meeresluftzuflüsse die Schneedecke schnell schmelzen lassen.“
Sagt das Internet.

Wir sagen: Das Internet war offensichtlich nicht hier. Oder nur im Juli.

KĂĽhl und warm

Seit unserer Ankunft: Schnee.
Nicht symbolisch. Nicht dekorativ. Sondern in kindshoher AusfĂĽhrung, rechts und links der Wege aufgetĂĽrmt wie eine skandinavische Machtdemonstration.

Die Kanäle in unserer Wohngegend? Zugefroren.
Nicht so ein zartes „Ach, da ist ein bisschen Eis am Rand“, sondern eine geschlossene Fläche, die aussieht, als könne man dort demnächst ein Eishockeyturnier austragen. Wahrscheinlich passiert das auch noch.

Ohne Mütze und Handschuhe droht die spontane Verwandlung in eine Salzsäule. Nur eben aus Eis.

Und wir?
Wir sind krank.

Husten. Schnupfen. Diese diffuse nordische Gesamterschöpfung.
Das Einpacken der Klamotten vor der Abfahrt? Nicht geschafft. Zu krank.
Das Auspacken am Zielort? Erfolgt in Zeitlupe. Wir sind ja immer noch krank.

Während wir also frierend zwischen Umzugskartons nach dem zweiten Paar Socken suchen, passiert draußen Folgendes:

Das Loch

Direkt um die Ecke: ein Loch im Eis.

Nicht metaphorisch.
Ein echtes Loch. In den zugefrorenen Kanal gehauen. Mit Badetreppe.

Daneben stehen Menschen. Junge. Alte. Offenbar geistig zurechnungsfähige.
Sie steigen ins Wasser. Durch das Loch. In den eiskalten Kanal.

Kein dramatisches Kreischen. Kein letzter Wille.
Ein kurzes Eintauchen. Auftauchen. Bademantel ĂĽberwerfen.
Und dann schlendern sie zurück zu ihren Wohnungen, als hätten sie gerade im August am Müggelsee geplanscht.

Wir stehen daneben in Daunenjacken, innerlich fiebrig, äußerlich schockgefrostet, und versuchen zu begreifen, was wir sehen.

Die Sauna und die Shorts

Neben dem Eisloch: eine Sauna.
Sie atmet sichtbar Wärme in die kalte Luft. Ein architektonischer Kommentar zum Thema „Wir können beides“.

Die Gehwege? Tadellos geräumt.
Die Radwege? Ebenfalls. Als gäbe es eine nationale Notfallnummer für „Fahrradspur nicht perfekt“.

Menschen bewegen sich durch diese Szenerie, als handle es sich um einen etwas frischeren FrĂĽhlingstag. Manche mit MĂĽtze. Manche ohne. Einzelne mit kurzen Hosen.

Kurze. Hosen.

Wir sind offenbar bei den Wikingern gelandet.
Nur dass sie jetzt Lastenräder fahren und nach dem Eisbaden Hafermilch in ihren Kaffee schäumen.

Das Mindset im Schnee

Vielleicht liegt der Unterschied weniger im Wetter als in der Haltung.

Wir diskutieren noch, ob wir ohne Schal kurz zum Bäcker können.
Hier wird erst ins Eis gestiegen und danach geschaut, ob man vielleicht Handschuhe braucht.

Das Internet sprach von milder Meeresluft.
Wir sehen Schneehaufen, gefrorene Kanäle und Menschen, die freiwillig Löcher ins Eis sägen, um hineinzuspringen.

Und während wir uns weiter auskurieren und langsam die Winterkisten auspacken, dämmert uns:

Vielleicht schmilzt der Schnee hier tatsächlich schnell.

Nur nicht das Selbstverständnis, dass Kälte kein Zustand ist –
sondern eine Einladung.